400 Kündigungen im Endliker: Verdrängung in Echtzeit

Die Sulzer Vorsorgeeinrichtung kündigt allen 400 Mietenden im Endliker-Quartier. Was passiert, haben wir vor zwei Monaten vorausgesagt.

Das haben wir kommen sehen

Vor weniger als einem Monat, anlässlich der Verabschiedung des neuen kommunalen Richtplans, hat die Alternative Linke das Endliker-Quartier explizit als Brennpunkt identifiziert. Im Mattenbach-Gebiet – eingeklemmt zwischen dem wachsenden Bahnhof Grüze und dem expandierenden Wissensquartier der ZHAW – haben wir auf genau diese Konstellation hingewiesen: alte Bausubstanz, kaum genossenschaftlicher Wohnraum als Puffer, wachsender Investitionsdruck. Jetzt ist eingetroffen, wovor wir gewarnt haben.

Die Sulzer Vorsorgeeinrichtung (SVE) – eine Pensionskasse – kündigt allen ihren Mietenden auf Ende April 2028. 400 Menschen. Sieben 60er-Jahre-Blöcke werden abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Mehr Wohnungen soll es danach nicht geben. Die neuen Wohnungen werden grösser sein – und entsprechend teurer. Wer heute für 800 Franken an der Endlikerstrasse wohnt, wie das Rentner:innenpaar Gabriela und Erich Oppliger, wird sich die neue Wohnung schlicht nicht leisten können (WNTI, 2026).

«Es wird mehr unternommen, die Bäume um die Häuser herum zu schützen, als die Menschen, die in ihnen wohnen.» – Walter Angst, Co-Geschäftsleiter Mieterverband Zürich (WNTI, 2026)

Abreissen ist keine Nachhaltigkeit

Die Verwaltung Auwiesen-Immobilien begründet den Abriss damit, dass eine Sanierung «weitreichende strukturelle Eingriffe» erfordert hätte und ein Ersatzneubau die «nachhaltigere Lösung» sei. Das ist falsch. Grau ist das neue grün: Was bereits gebaut ist, hat bereits Energie und Ressourcen verbraucht. Jeder Abriss vernichtet dieses eingebettete Kapital und erzeugt neuen CO2-Ausstoss – auch wenn es einen Holzneubau geben sollte.

Das Gegenbeispiel liegt 40 Kilometer entfernt. In Aarau sanierte die AXA Anlagestiftung zwischen 2020 und 2023 fast 580 Wohnungen im Telli-Quartier – ebenfalls 60er/70er-Jahre-Blöcke, ebenfalls einer Pensionskasse gehörend. Die Sanierung erfolgte im bewohnten Zustand, mit kurzen Auszugsphasen von maximal zwei Wochen. Drei Viertel der Mietverträge blieben bestehen. Pro Jahr werden so rund 1000 Tonnen CO2 eingespart (AXA, 2026). Das Projekt gilt schweizweit als Referenzbeispiel für zirkuläres Sanieren im Bestand.

War das perfekt? Nein – die Mieten stiegen auch in der Telli nach der Sanierung, und nicht alle Mietenden konnten oder wollten bleiben.
Der Unterschied zum Endliker ist fundamental. Niemand wurde pauschal auf die Strasse gestellt. Die Sozialstruktur des Quartiers wurde bewusst als schützenswert behandelt – nicht als Hindernis für die Rendite.

Die 60er-Jahre-Blöcke im Endliker wurden jahrzehntelang nicht saniert – «aus Kostengründen», wie es hiess. Jetzt, wo Neubauten mehr Rendite versprechen als Sanierungen, haben die Eigentümer plötzlich Geld. Das sagt alles über die Logik hinter diesem Entscheid.

Was wir jetzt fordern

Der Fall Endliker zeigt exemplarisch, was passiert, wenn Stadtentwicklung ohne Schutzmechanismen abläuft. Wir fordern deshalb eine konkrete Massnahme:

  • Zirkuläres Sanieren als Standard. Bevor Abbruch und Neubau bewilligt werden, muss eine Sanierung im Bestand ernsthaft geprüft und begründet ausgeschlossen werden. Was im Telli möglich war, ist auch im Endliker möglich – wenn der politische Wille da ist, es einzufordern.

Gabriela und Erich Oppliger haben 40 Jahre im Endliker gewohnt. Sie erhalten ihre Altersvorsorge von derselben Institution, die heute ihren Abriss plant (WNTI, 2026). Dieser Widerspruch ist kein Zufall – er ist das System. Und dieses System ändern wir nur, wenn wir jetzt handeln.

→ Unseren ausführlichen Text zur Richtplan-Debatte und unseren fünf wohnpolitischen Forderungen findest du hier: Schöne neue Stadt – für wen eigentlich?