Schulpflege

Schule als Ort der Gerechtigkeit

Die Schule ist kein neutraler Raum. Sie ist der Ort, an dem sich entscheidet, wer in unserer Gesellschaft Chancen bekommt – und wer zurückgelassen wird.

In den letzten Jahren habe ich in der Schulpflege erlebt, wie politische Entscheidungen direkt das Leben von Kindern, Eltern und Lehrpersonen prägen. Kostendruck, mangelnder Schulraum, Lehrpersonen am Rande der Erschöpfung – das sind keine abstrakten Probleme, sondern konkrete Hindernisse, die soziale Ungleichheit und Stigmatisierung verstärken. Es sind Bedingungen, die unser Bildungssystem mittelfristig zum Kollabieren bringen können.

Meinen Fokus lenke ich auf folgende Themen:

Die Förderklasseninitiative und ähnliche Vorstösse sind Angriffe auf jene Kinder, die es oft schon schwerer haben als andere. Es wird suggeriert, dass einige Schüler:innen „zu viel Aufwand“ seien, dass sie nicht tragbar wären. Vielleicht zeigen jedoch gerade diese Kinder auf, wie sehr unsere Volksschule krankt – und dass sie sich endlich an die Bedürfnisse aller anpassen muss. Um gegen Stigmatisierung anzugehen und allen Kindern eine gleichwertige Chance zu geben, muss Schule neu und interdisziplinär gedacht werden. Inklusion als Grundhaltung mitzutragen ist für alle Pflicht!

Jedes Kind hat das Recht, in der Regelklasse gefördert zu werden – mit den Ressourcen, die es braucht, um teilzuhaben. Das bedeutet: Mehr Ressourcen, Binnendifferenzierung sowie trauma- und rassismussensible Pädagogik, damit kein Kind wegen Lernschwierigkeiten, Sprachbarrieren oder Verhaltensauffälligkeiten ausgeschlossen wird.

Aber: Inklusion heisst nicht, Kinder um jeden Preis in ein Setting zu pressen, das ihren Bedürfnissen nicht gerecht wird. Einige Kinder – z. B. mit komplexen Mehrfachbehinderungen oder hohem Unterstützungsbedarf – brauchen kleinere Gruppen oder 1:1-Beschulung, um sicher und würdevoll lernen zu können. Denn Inklusion bedeutet nicht ‚alle im selben Raum‘, sondern ‚alle bekommen, was sie brauchen, um dazuzugehören‘.

In Winterthur gibt es an jeder Schule schulergänzende Betreuung – das ist gut. Allerdings arbeiten Schule und Betreuung oft nebeneinander statt miteinander.
Meine Besuche in den Schulen und Betreuungen zeigen: Wie verzahnt und auf Augenhöhe die Zusammenarbeit gelingt, variiert von Schuleinheit zu Schuleinheit stark. Lasst uns gemeinsam ein Tagesschulmodell entwickeln, das zu Winterthur passt – innovativ und gerecht!

Als zentraler Lernort für überfachliche Kompetenzen wie Sozialverhalten, Kreativität und Selbstständigkeit gebührt dem Betreuungsbereich gleichberechtigte Anerkennung wie der Schule. Sozialpädagog:innen und Fachpersonen Betreuung leisten wichtige Arbeit, verdienen aber oft weniger Respekt (und Lohn) als Lehrpersonen und Schulleitungen.

Zudem: Die aktuelle, freiwillige Tagesschule ist zu teuer und unflexibel und damit sozial selektiv. Das trifft vor allem Alleinerziehende, Schichtarbeitende und Familien mit tiefen Einkommen. Care-Arbeit ist systemrelevant und eine Gesellschaftsaufgabe. Eine Stadt, die ihre Kinder ernst nimmt, findet auch das Geld für sie!

Deshalb fordere ich:

  • Echte interdisziplinäre Teams: Schule und Betreuung müssen an allen Standorten gemeinsam planen und agieren.
  • Wertschätzung der Betreuung als gleichberechtigten Teil der Bildung
  • Mehrfachnutzung von Räumen als Antwort auf die Schulraumknappheit
  • Kostenlose Betreuung für Geringverdienende

C-Klassen fördern Stigmatisierung – ein Stempel, der nur schwer wieder abzuwaschen ist. Die vorherrschende hierarchische Gliederung zerstört das Selbstvertrauen von Schüler:innen und verhindert den Glauben an den eigenen Lernerfolg.

C-Klassen sind ein Ausdruck von institutionellem Rassismus und Klassismus.

Wer landet dort? Überproportional viele Jugendliche…

…mit Migrationshintergrund: 80% der Schüler:innen in C-Klassen haben einen Migrationshintergrund. Herkunft entscheidet noch viel zu häufig über die Bildungskarriere. Rassistische Prägungen und Denkweisen machen auch vor Mitarbeitenden mit den besten Absichten nicht Halt.

…aus Arbeiter:innenfamilien: C-Klassen sind ein Relikt aus der Vergangenheit und entstanden im 19. Jahrhundert, um die «unbrauchbaren» Kinder auszusortieren. Im 21. Jahrhundert zählen jedoch nicht Gehorsam und Selektion, sondern Teamfähigkeit, Problemlösungskompetenz und Kreativität. Deshalb profitieren auch «stärkere» Schüler:innen von heterogenen Klassen.

…mit „Verhaltensauffälligkeiten“: Schüler:innen mit herausforderndem und störendem Verhalten brauchen Unterstützung, keinen Ausschluss. Niveaudurchmischung kann einen negativen Peer-Effekt vermeiden, und ausgebautes Teamteaching hilft bei der Binnendifferenzierung. Auch Sozialpädagog:innen sind eine wertvolle interdisziplinäre Ergänzung im Klassenzimmer und können bei diesen Jugendlichen von grossem Wert sein. Die Nutzung von Synergien mit der Schulergänzenden Betreuung wäre hier denkbar.

Durchlässige Lernniveaus durch abteilungsübergreifende (Sek A, B, C) Anforderungsstufen anstelle früher Auslese machen individuelle Stärken sichtbar und spürbar. Sie ermöglichen ein individuelleres Leistungsprofil und steigern damit die Chancen, nach der regulären Schulzeit Anschluss zu finden.

Bisher wurden Schüler:innen nach der von der Schulpflege verabschiedeten Klassenplanung sowie nach Absprache mit der Leitung Bildung durch eine Person in der Schulverwaltung «händisch» einer Schuleinheit zugeteilt. Zwar wird diese Arbeit mit bestem Wissen und Gewissen geleistet und bedeutet für die einzelnen Mitarbeitenden einen grossen Aufwand. Bei aktuell rund 13’000 Schüler:innen ist dies jedoch ein denkbar komplexer und fehleranfälliger Prozess. Trotz viel Erfahrung und Absprache basieren Zuteilungen auf individuellen Entscheidungen von Einzelpersonen.

Es gibt zahlreiche Kriterien für die Zusammensetzung von Schüler:innengruppen in den Schuleinheiten bzw. den einzelnen Klassen. Dazu gehören z.B. der altersentsprechende Schulweg, ausgeglichene Klassengrössen sowie ein ausgewogenes Verhältnis der Geschlechter und Sprachen. Hinzu kommen individuelle Bedürfnisse der Kinder sowie ihrer Erziehungsberechtigten. Hier geht es z.B. um die Zuteilung von Geschwister zu derselben Schuleinheit oder um die komplexe Organisation von Familien (Stichwort Lohn- und Carearbeit, Betreuungssituation der Kinder, Allein- oder Getrennterziehende).

Die Anliegen der Erziehungsberechtigten sind oft sehr nachvollziehbar. Wir leben in einer komplexen, kapitalistischen Gesellschaft, die weder familienfreundlich noch kindergerecht ist. Dennoch ist es Aufgabe der Behörde, für faire Zuteilungen und Rechtsgleichheit zu Sorgen. Dabei kann leider nicht auf alle privaten Anliegen Rücksicht genommen werden. Damit Zuteilungsentscheide jedoch künftig transparenter und nachvollziehbarer sind, setze ich mich für die Nutzung eines Zuteilungsalgorithmus ein. Dieser wird bereits in anderen Schweizer Gemeinden eingesetzt und ermöglicht

  • eine bessere Durchmischung hinsichtlich Geschlechter, sozioökonomischer Herkunft, Muttersprache und Kindern mit besonderen Bedürfnissen
  • mehr Chancengerechtigkeit
  • eine bessere Auslastung und Verteilung des vorhandenen Schulraum
  • Entlastung der Schulverwaltung und Schulleitenden
  • eine einheitliche, weniger fehleranfällige Praxis in ganz Winterthur

Ein Algorithmus ersetzt nicht den gesunden Menschenverstand, schlägt jedoch Planungsvarianten vor und zeigt Möglichkeiten auf, an die bisher noch nicht gedacht wurden. Vor allem entspricht diese Vorgehensweise dem Anspruch an professionelle Digitalität, den man an eine Stadtverwaltung haben darf.

Das Schul- und Betreuungspersonal arbeitet seit Jahren unter extrem belastenden Bedingungen. Gelingende Inklusion kann nicht auf Kosten der Gesundheit von Mitarbeitenden funktionieren, sondern benötigt einen massiven Ausbau von Förderressourcen. Als Überlaufbecken gesamtgesellschaftlicher Phänomene wie die zunehmende psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen fordert von Mitarbeitenden stetige Weiterbildung und Sensibilisierung. Den Unterstützungsbedarf der Schüler:innen auf individueller Ebene zu begegnen, kann zur Zerreissprobe werden – umso mehr, wenn durch zunehmende administrative Aufwände immer weniger Zeit für das Kerngeschäft bleibt.

Viele dieser Themen sind auf kantonaler Ebene zu verändern. Als Schulpflegemitglied sehe ich es jedoch als meine Pflicht, mich hinter die Anliegen der Mitarbeitenden zu stellen, ihre Interessen politisch zu vertreten, ihnen Gehör zu schenken und auch auf kommunaler Ebene das Bestmögliche zu erwirken. Dazu gehört es, die Volksschule konsequent gegen Budgetstreichungen von Seiten der bürgerlichen Parteien zu verteidigen.

Gute Bildung, auf die alle Kinder und Jugendliche ein Anrecht haben, erfordert gesunde, gut ausgebildete und motivierte Mitarbeitende. Sie leisten systemrelevante Arbeit. Es wird Zeit, dass diese Arbeit entsprechend gewürdigt wird – mit Anerkennung, genügend Ressourcen und Mitspracherecht. Daher setze ich mich ein für

  • Attraktive Arbeitsbedingungen
  • Praxisnahe Weiterbildung
  • Massnahmen, um dem steigenden bürokratischen Aufwand zu begegnen
  • Entlastung durch interdisziplinäre Zusammenarbeit